Auszüge aus dem Text der Ansprache von Frau Dr. Joeressen, Arbeitsstelle Kükelhaus, auf der Gründungsversammlung der Hugo Kükelhaus Gesellschaft e.V. am 20. März 1993:

"Wenn heute, vier Tage vor dem 93. Geburtstag von Hugo Kükelhaus die Hugo Kükelhaus Gesellschaft gegründet wird, so bedeutet dies auch den Beginn eines neuen Abschnitts der seit 1988 hier im Haus angesiedelten Nachlass- und Werkbetreuung. Ein Bruch ist das selbstverständlich nicht, das sieht man schon an der personellen Kontinuität der hier Anwesenden sowie daran, dass Einladende zum heutigen Treffen die Stadt Soest als Nachlasseignerin war.

Ein knapper Rückblick und der Versuch eines Ausblicks mögen dazu dienen, die Gründungsabsicht der Hugo Kükelhaus Gesellschaft nochmals deutlich werden zu lassen.

Die Arbeit der letzten Jahre, die Ordnung des Nachlasses, die Verzeichnung der Schriften, die Kontakte mit vielen alten und neugewonnenen Freunden und Interessierten, die auf dem Ideengut von Kükelhaus basierenden Planungen für den "Kükelhauspfad" in Soest u.v.m. - das sind Dinge, auf die man aufbauen kann.

Die Resonanz auf die Einrichtung der Nachlassstelle war von Anfang an groß, denn die Beschäftigung mit dem Werk und den Ideen von Kükelhaus hat seit seinem Tod einen Umfang erreicht, den er sich - zeitlebens eine Art "Rufer in der Wüste" - allenfalls erhoffte. Diese Resonanz und Wirkung ist nicht eindimensional, sondern entspricht in ihrer Vielfalt dem Spektrum der Kükelhaus`schen schöpferischen, im Geistigen und Praktischen angesiedelten Arbeit. Sie gilt also seinen Schriften, den veröffentlichten und den unveröffentlichten, seinen künstlerischen und gestalterischen Arbeiten, seiner Philosophie und Weltanschauung (in Verbindung damit seinem Haus, das so viel von seiner Lebens- und Denkart vermittelt) und seiner Pädagogik der Sinne. Er selbst sprach von "somatischer Pädagogik". Während man heute auf Zustimmung, wenn auch manchmal oberflächlicher Art, rechnen kann, wenn man von seinem Grundansatz spricht, so begann sich zu seinen Lebzeiten gerade das Bewusstsein zu entwickeln, dass eine grundlegende Neuorientierung notwendig ist: dass dem Menschen geholfen werden muss, eine Rückbindung an die elementaren, sinnenhaften Voraussetzungen seines Lebens, Denkens und Handelns wieder zu finden, damit er als ein aus der Fülle schöpfendes Wesen, das er eigentlich sein soll, lebt und die Welt gestaltet.

Die bisherige Arbeit in Soest hatte eine eher schmale personelle Basis. Die Weiterarbeit soll nun mit der Gründung der Hugo Kükelhaus Gesellschaft auf eine breitere personelle Basis gestellt werden, was vor allem besagt, dass sich das Potential neuer Ideen, Zugangsweisen und Perspektiven bei einer lebendigen Anwendung und Weiterentwicklung der Kükelhaus`schen Gedanken und Anregungen erweitern soll. Eine kreative Auseinandersetzung mit dem reichen Ideen- und Werkfundus, ein Prozess, in dem sich Menschen gemeinsam Neues erarbeiten, für sich und für andere, das kann im Sinne von Kükelhaus die Aufgabe eines solchen Vereins sein.

Es geht nicht an, dass das Werk von Kükelhaus und das, was er hinterlassen hat, nur verwaltet und archivarisch behütet werden. Kükelhaus wollte nicht, dass man ihn oder seine Ideen fixiert und anstarrt, sondern dass mit ihnen umgegangen, Umgang gepflegt wird in der genauen Bedeutung des Wortes. Sowenig wie unsere Sinne etwas wirklich wahrnehmen, wenn sie das Objekt festhalten, festnageln, so wenig ist dies hier angebracht. Hierzu wenigstens ein größeres Zitat von Kükelhaus selbst: "Man beobachte die Fingerbewegungen eines Blinden, während sie über das Tastfeld der Blindenschrift fliegen: es sind kreisend schweifende und strahlenförmig sammelnde Bewegungen. Man sollte es selber mit geschlossenen Augen versuchen. Einsicht in ein vorliegend Gegebenes kommt nicht zustande durch ein Stottern von Punkt zu Punkt, sondern sie geht hervor aus kreisenden, strahligen und spiraligen Bewegungen. Wie anders sähe die Welt aus und stünde der Mensch da, würde er so beziehungsreich denken und vom Gegenstand und dessen Gesetz her gewissermaßen sich denken lassen, wie die Finger tasten." (Organ und Bewußtsein, Köln 1977, S. 25f.)


Auch ein anderes, oft von Kükelhaus verwendetes Bild bzw. eine Analogie möchte ich noch hinzuziehen. Die Arbeit, wie sie der Verein meiner Auffassung nach verfolgen müsste, wäre eine Art Gratwanderung, ein Akt des Balancierens: zwischen den Polen eines selbstständigen, offenen, nicht-verkrampften Umganges mit Kükelhaus einerseits und dem genauen Lesen und Zu-Verstehen-Suchen dessen, was er schon vorgedacht, vorgearbeitet und an Wegen gebahnt hat andererseits. Und dieser ganze Prozess kann nur gelingen mit dem perspektivischen Blick ins Weite, damit man nicht über seine eigenen Füße stolpert und abstürzt.

Zu diesem Balanceakt wünsche ich der Hugo Kükelhaus Gesellschaft alles Gute!"
Träumling balanciert auf einer Eisenbahnschiene

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